Leseprobe "Mit dir gegen den Rest der Welt"

Veröffentlicht am 23. Juli 2024 um 17:24

Kapitel 1

 

»Emilia, kommst du bitte! Wir haben etwas Wichtiges mit dir zu besprechen«, reißt Hannah mich aus meinen tristen Gedanken.
Weil ich nicht wusste, was ich tun soll, habe ich mich wieder auf TikTok herumgetrieben. Würden die Erwachsenen hier wissen, was ich mir da anschaue, würden sie mein Handy mit Sicherheit viel schneller einkassieren, als ich mich versehe. Paintok ist kein guter Ort, aber mir hilft er und zeigt mir stets, dass ich nicht allein bin.
»Was habe ich jetzt wieder angestellt?«, frage ich genervt und rolle mit den Augen.
»Gar nichts. Wir möchten dir etwas Wichtiges mitteilen.«
Hannahs Stimme ist ruhig und weich, sodass ich anhand ihrer Stimmlage nicht erkennen kann, was mich erwartet.
»Und dafür muss ich extra zur Heimleitung? Kannst du mir nicht einfach erzählen, was Sache ist?«
Ich bleibe auf meinem Bett sitzen und mache keine Anstalt, Hannah ins Büro der Heimleiterin zu folgen.
»Emilia, bitte mach keinen Aufstand. Wir werden dir alles in Ruhe erklären«, erwidert Hannah mit sanfter Stimme und deutet Richtung Flur.
Genervt stöhne ich, stehe dann jedoch auf und folge meiner Betreuerin ins Büro von Frau Bauer. Besser, ich verscherze es mir nicht schon wieder mit der Heimleiterin.

***

»Ich will da nicht hin! Das habt ihr alle mal wieder ohne meine Zustimmung entschieden. Warum darf ich nicht ein einziges Mal selbst entscheiden, was ich möchte?«, schreie ich wütend und verschränke meine Arme bockig vor der Brust.
Ich sitze mit meiner Betreuerin Hannah im Büro der Heimleiterin. Dieses Mal allerdings nicht, weil ich etwas angestellt oder mit irgendwem Stress habe.
Nein, es ist ganz anders. Sie haben wieder über meinen Kopf hinweg entschieden. Wut schäumt in mir und ich habe Mühe, nicht zu explodieren und jeden meinen Ärger hier spüren zu lassen.
»Wir haben dir davon erzählt. Nun hat das Jugendamt unserem Antrag zugestimmt und deiner Einschulung auf dem Internat steht nichts mehr im Wege. Es wird die beste Lösung für dich sein. Du verbaust dir sonst deine gesamte Zukunft«, erzählt Frau Bauer, unsere Heimleitung, mir und für mich bricht eine Welt zusammen.
Tränen laufen an meinen Wangen hinab, ohne dass ich es kontrollieren kann. Sie treffen auf meine brüchigen Lippen und ein kurzer Schmerz durchzieht meinen Körper. Ich zittere und versuche, mich so unauffällig wie nur möglich zu verhalten. In diesem Raum kennt niemand die Wahrheit und das soll auch so bleiben. Trotzdem ist das Internat »Sternenmeer« nicht die Lösung meines Problems. In einem Internat wird alles nur schlimmer werden. Ich werde mich noch weiter verstecken müssen, um ja niemanden an mich heranzulassen. Keiner darf jemals erfahren, was ich tue.
Es gibt nur einen Lichtblick: Ich würde endlich all die Scheiße hier in meinem Umfeld, dem Heim und meiner Schule hinter mir lassen können. Aber, ob das reicht?
»Glaub mir, das Internat ist wirklich schön. Es wird dir gefallen. Sieh es als Chance und bitte fange dort nicht gleich so an wie hier. Flucht ist keine Lösung und auch kein Ausweg«, belehrt Hannah mich noch einmal, bevor das Gespräch als beendet gilt.
Ich werde schon dafür sorgen, dass ich da nicht lange bleibe. Mir werden Wege einfallen, um dort so schnell wie nur möglich wieder wegzukommen. Ich lasse mir nicht von Erwachsenen vorschreiben, wie mein Leben zu verlaufen hat.

Hannah schickt mich in mein Zimmer, damit ich meine Tasche packe. Morgen soll es losgehen. Alles in mir zieht sich zusammen. Bin ich dafür bereit? Ist mein jetziges Zuhause nicht vielleicht doch besser? Sicherer?
»Denk daran, alles mitzunehmen, was du brauchst, und beachte, was auf der Packliste steht. Du wirst erst zu den Ferien wiederkommen. Wir werden selbstverständlich weiterhin nach einer Pflegefamilie für dich suchen. Sobald wir etwas Neues wissen, benachrichtigen wir dich.«
Hannahs Stimme hallt noch lange in meinem Kopf nach. Eine Pflegefamilie: Ob das jemals etwas werden wird?
Mich will einfach keiner. Ich bin ein rebellisches Waisenkind, das niemand aufnehmen möchte.

 

Kapitel 2

Der nächste Morgen kommt schneller, als mir lieb ist. Mit verschränkten Armen stehe ich vor dem Heim, das bis zum heutigen Tag mein Zuhause gewesen ist. Hannah steht neben mir. Ich erkenne im Augenwinkel, dass sie lächelt. Genervt rolle ich mit den Augen. Wieso sind nur alle der Meinung, dass das Internat der beste Weg für mich ist? Warum versteht keiner, dass ich da überhaupt nicht hin will?

»Bist du so weit? Hast du alles eingepackt?«, fragt Hannah, als wir auf das Auto zugehen.
Ich rolle nochmals mit den Augen. Jeder behandelt mich hier wie ein kleines Kind und nicht wie ein fast fünfzehnjähriges Mädchen.
»Ja, habe ich. Ich bleibe sowieso nicht lange«, erwidere ich bockig und verschränke meine Arme erneut vor der Brust.
Wieso glauben diese Menschen, dass sie über mein Leben bestimmen können? Das Jugendamt bekommt nichts so zügig auf die Reihe, aber der Entscheidung, mich aufs Internat abzuschieben, haben sie dann plötzlich zugestimmt.
»Du wirst dich dort benehmen und bitte auch deine motzige, bockige, aufmüpfige, aufbrausende und vorlaute Art ablegen. Schau es dir doch erst einmal an. Es wird dir mit Sicherheit gefallen. Es sind Kinder in deinem Alter dort und auch die Lehrer sind sehr nett. Ich würde dich bitten, dass du dich nicht gleich wieder danebenbenimmst. Es ist wirklich eine Chance für dich.«
Schweigend setze ich mich auf den Beifahrersitz. Meine Arme halte ich weiterhin verschränkt, Hannah soll ruhig merken, wie genervt ich bin.
»Ich wollte früher immer auf ein Internat. Das Leben dort ist anders und so magisch«, versucht Hannah es erneut.
Ich stöhne, dann platzen die Worte einfach aus mir heraus.
»Ich bin aber nicht du! Ich will nicht aufs Internat!«
Ich kann Hannahs Seufzen deutlich hören, bevor sie wieder in ihre ruhige Art wechselt.
»Emilia, nicht in diesem Ton«, erwidert sie mahnend und schaut kurz zu mir rüber.
»Es kann dir doch egal sein. Du schiebst mich ja gerade ab!«
»Emilia!«, rutscht es Hannah raus, bevor sie ihre Stimme zügelt und sanft weiterspricht: »Du weißt genau, dass das nicht stimmt. Wir haben alle gemeinsam entschieden, dass es das Beste für dich ist. Ich bin immer für dich da und das solltest du eigentlich wissen.«
Ich schaue aus dem Fenster und schweige. Keiner weiß, wie es mir wirklich geht. Und das werde ich auch keinem sagen, zumindest nicht freiwillig. Ich muss ab jetzt noch mehr Kraft aufwenden, um meine innere Mauer stark und robust zu halten. Im Internat soll erst recht keiner hinter meine Fassade blicken.

***

Auf dem Rest der Fahrt sprechen wir kein Wort mehr miteinander und die Atmosphäre im Auto hüllt sich in ein tiefes Schweigen.
Eine Gänsehaut überzieht meinen Körper, umso näher wir dem Internat kommen. Ich will da auf keinen Fall hin. Im Heim war ich irgendwie immer sicher. Die Betreuer waren zeitweise so viel beschäftigt, dass sie überhaupt nicht mitbekommen haben, was ich alles so mache.
Diese Sätze haben mir auch wieder einmal gezeigt, wie wenig Hannah wirklich über mich weiß. In meinem Inneren bin ich ein schüchternes und gekränktes Mädchen, aber das scheint niemand zu merken. Alle sehen in mir das aufbrausende, rebellische Mädchen. Diejenige, die sich mit jedem anlegt.

»Ich möchte aber nicht hier her«, protestiere ich erneut, doch Hannah geht nicht einmal darauf ein.
Irgendwo in meinem tiefsten Inneren bin ich nicht abgeneigt von dem Internat, aber die Ängste sind einfach zu groß. An diesem Ort könnte alles auffliegen und sich für immer ändern. Ich habe Panik, dass meine lang gehüteten Geheimnisse ans Licht kommen. Privatsphäre ist in einem Internat mit Sicherheit ein Fremdwort. Ich will nicht, dass jemand meinem Inneren zu nahekommt. Die Gefahr ist immer da, alles mit einem Schlag zu verlieren.

Hannah fährt auf den Parkplatz vor einem großen Schulgebäude. Kurz darauf steigt sie aus. Ich bleibe auf meinem Sitz und verschränke wieder die Arme vor der Brust.
»Emilia, bitte.«
Hannahs Stimme ist zwar weich, aber ich merke, dass sie immer stärker mit sich ringt, nicht lauter zu werden.
»Ich will nicht in dieses doofe Internat!«
»Ich werde jetzt nicht mit dir darüber diskutieren.«
Ich rolle mit den Augen, während Hannah die Beifahrertür aufhält. Mies gelaunt steige ich aus und beschließe, dass ich alles doof finden werde.

»Ich werde dich zum Direktor bringen, bei dem du dich bitte höflich vorstellst, und dann wird er dir alles Weitere erklären. Ich bin mir sicher, dass du dich schnell eingewöhnen und sogar Freunde finden wirst«, sagt Hannah, als wir das Schulgebäude betreten.
Ich sehe mich zögernd um. Irgendwie habe ich mir ein Internat anders vorgestellt. Eher alt und schäbig, aber hier ist alles modern und in hellen Farben gehalten. Es wirkt beinahe neu und unberührt. Vielleicht wollen die mich hier überhaupt nicht haben, wenn sie mich kennenlernen. Hoffentlich sagen sie, dass Hannah mich gleich wieder mitnehmen darf.
Früher wäre ich gerne auf so eine Schule gegangen, doch heute macht es mir Angst. Ich merke, wie ich zu zittern anfange. Automatisch schlinge ich meine Jacke enger um meinen Körper und versuche, dass niemand etwas mitbekommt.
Obwohl ich das Gebäude nicht betreten will, folge ich Hannah unsicher und schaue mich zögernd um. Irgendwie habe ich mir ein Internat belebter vorgestellt, aber bis auf ein paar einzelne Schüler ist auf den Gängen nichts los. Es wirkt wie ausgestorben. Wenn ich nicht wüsste, dass das hier eine Schule ist, würde ich denken, Hannah hätte mich ins Nirgendwo abgeschoben.

Ab 09.10 überall erhältlich

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